Osteopathie

 

Vergleicht man die Möglichkeiten der Physiotherapie mit der Osteopathie, dann ist die erstere ein Sandkorn - die Osteopathie hingegen eine große, unendlich weite Wüstenlandschaft mit teilweise noch unerforschten Regionen....

Der Körper des Patienten wird als eine Einheit gesehen, vergleichbar mit einer Uhr: Fällt ein Zahnrad aus, ist das gesamte System gestört. Daher ist diese ganzheitliche Therapie bei diversen Erkrankungen von Hunden, Katzen und anderen Kleintieren sinnvoll, nicht nur bei Problemen des Bewegungsapparates. Eine Theorie der Osteopathie besagt: Wo die Eigenbewegung eines Organs oder Körpersystems gestört ist (Blockade, Spannungsdifferenzen), macht sich Krankheit breit. Dies betrifft den Bewegungsapparat, innere Organe, Blutgefäße, sämtliche Stoffwechselvorgänge, sowie das Nervensystem. Dabei wird jeder Patient individuell gesehen und behandelt. Das Ziel der Osteopathie ist es jedoch nicht, ein schulmedizinisches Symptom zu beheben, sondern den Ursprung der Läsion aufzuspüren und die Regulationsmechanismen zur Selbstheilung anzuregen. Es wird beim Patienten die Fähigkeit ausgelöst, ein für ihn gesundes Gleichgewicht herzustellen. Heilen ist dabei nicht nur das Fehlen von Symptomen.

Es wird durch sehr sanften Druck Einfluß auf veränderte Spannungsverhältnisse und Ungleichgewichte im Körper genommen, um die Regulationsprozesse zu mobilisieren. Dabei arbeite ich vorallem über die sogenannten Faszien.  Faszien sind ein bindegewebiges Netzwerk, welches den gesamten Körper durchdringt. Sie umhüllen Muskeln und innere Organe, damit diese bei körperlicher Bewegung, sowie bei der Atmung problemlos aneinander vorbeigleiten können. Sie dienen als deren Puffer zum Schutz vor Reibung und Verletzungen. Außerdem sind sie wichtig für den Transport von Blut und Lymphe und damit auch für ein funktionierendes Abwehrsystem, sowie den Stoffwechsel. Auch die Hirn- und Rückenmarkshäute sind Fasziengewebe.

Weiterhin dienen Faszien der Befestigung von Muskeln am Knochen (Sehnen) oder der Aufhängung und Abgrenzung der inneren Organe. Sie stehen untereinander in Verbindung bzw. sind sie zum Teil miteinander verwoben. Das heißt, sie übertragen auch Fehlspannungen von einer Körperregion in eine andere: Wirbelsäulen-Probleme können z. B. Störungen der inneren Organe verursachen und umgekehrt. Auch kann sich eine Problematik im Kreuzbein-Bereich (lliosacral-Gelenk) in Problemen von Schädel und Halswirbelsäule widerspiegeln und Fehlhaltungen verursachen. Auch die Gelenkkapseln und Bänder werden, osteopathisch gesehen, zu den Faszien gezählt. Sie können z. B. verkleben (auch nach Operationen) und ihre Aufgabe dann nicht mehr richtig erfüllen und sogar Schmerzen verursachen. Häufig sind Faszien auch der Grund für Schmerzsymptome, für die augenscheinlich keine Ursache gefunden wird, denn man kann sie röntgenologisch nicht darstellen und sie finden in der Schulmedizin leider zumeist wenig Beachtung. Dabei wurde bereits nachgewiesen, dass sich Faszien bei Stress aktiv zusammenziehen und verspannen bzw. verkleben. Das bedeutet, dass Stress durchaus Verspannungen und somit Schmerzen verursachen kann - auch beim Tier! Schlechte Ernährung (minderwertiges Fertigfutter, zu viele Kohlenhydrate) begünstigt diesen Prozess, da zu viele Kohlenhydrate im Futter ph-Wert-Veränderungen verursachen, die ein Verkleben der Faszien begünstigen. Durch die so entstandene Kompression wird der Blut- und Lymphfluß behindert, Muskulatur und Nervengewebe in Mitleidenschaft gezogen und Symptome entstehen nach und nach - denn der Körper versucht nun, zu kompensieren. Der Kreislauf beginnt.

Ein großer Vorteil der Osteopathie ist der, dass schon minimale Veränderungen der Gewebestruktur oder kleinste Einschränkungen der Gewebebeweglichkeit erfühlt werden können. Diese Spannungsunterschiede gehen schweren Erkrankungsbildern, wie z. B. Veränderungen an Knochen und Knorpeln, voraus. Daher macht eine osteopathische Untersuchung und Behandlung auch bei vermeintlich gesunden Vierbeinern durchaus Sinn. Denn diese leichten Spannungsdifferenzen deuten auf Ungleichgewichte im Körper und beginnende Erkrankungen hin, die mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder CT noch gar nicht darstellbar sind. Bleiben diese Fehlspannungen unentdeckt und somit unbehandelt, können im weiteren Verlauf - der mitunter Jahre dauern kann - schwerere Erkrankungsbilder entstehen: Arthrosen, Bandscheibenvorfälle, Krankheiten der inneren Organe sind nur ein paar Beispiele. Auffälligkeiten, die bereits seit dem Welpenalter vorliegen, ständiges Pfotenknabbern ohne parasitäre Auslöser, Husten oder Atemprobleme ohne schulmedizinisch nachweisbare Ursache, Harntröpfeln, Verrichten des großen Geschäftes in Etappen, sowie regelmäßige Verdauungsbeschwerden, hinter denen vielleicht sogar Nahrungsmittelunverträglichkeiten vermutet werden, können ebenfalls Hinweise auf ein Ungleichgewicht im Fasziensystem sein. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen, da sich fasziale Veränderungen auf vielfältigste Art und Weise im und am Körper zeigen können, nicht nur an Problemen des Bewegungsapparates oder der inneren Organe. Wird die eigentliche Störung behoben und die Eigenbeweglichkeit der Gewebestrukturen wiederhergestellt, so lösen sich auch die Kompensationen (wie Schonhaltungen) auf. Beispiel: Ist der Rücken stark aufgekrümmt durch (bisher unerkannte) Schmerzen im Verdauungstrakt, ist das eigentliche Problem nicht die Wirbelsäule und Behandlungen bringen hier nicht den gewünschten Erfolg. Werden dagegen die Probleme im Magen-Darm-Bereich erfolgreich aufgespürt und behandelt, wird sich auch die Aufwölbung des Rückens bessern. In der Physiotherapie stößt man nun langsam an seine Grenzen - die Osteopathie hingegen bietet hier großes Potential.

Das Zwerchfell hat in der Osteopathie eine zentrale Stellung: Erst einmal handelt es sich hierbei um den größten und wichtigsten Atem-Muskel. Funktionseinschränkungen führen hier nicht zwangsläufig zu Problemen mit der Atmung, es können auch Störungen von Bewegungs- und Organfunktionen auftreten, die man gar nicht mit dem Zwerchfell in Verbindung bringt! Es trennt die Brust- von der Bauchhöhle und gewährt dabei wichtigen Strukturen Durchlass: Große Blutgefäße, wichtige Nerven, die Speiseröhre, sowie Lymphgefäße. Auch ist es mit der Leber verwachsen und hat durch Bänder direkte Verbindung zu Magen und Eierstöcken.

 


 

Nun kann man sich sicher gut vorstellen, wie vielfältig die Probleme sein können, wenn das Zwerchfell eingeschränkt ist. Es kann eine Kompression der hindurchtretenden Strukturen erfolgen, so dass beispielsweise der Blut- und Lymphfluß gestört wird. Die Ver- und Entsorgung des Hinterkörpers mit Nähr- und Abfallstoffen funktioniert so nicht mehr einwandfrei. Hinweise auf Funktionsstörungen des Zwerchfells können daher auch Probleme sein, die sich auffälligerweise nur auf die hinteren Regionen oder Organe beziehen. Bei vielen Hunden erscheint zusätzlich die Hintergliedmaße "wie angeklebt" oder "als ob sie nicht zum restlichen Körper dazugehört". Wenn Gelenk- und Wirbelsäulenprobleme, wie z. B. eine HD, Arthrosen, Bandscheibenvorfälle und andere neurologische Erkrankungen ausgeschlossen wurden, sollte man sein Augenmerk einmal auf das Zwerchfell richten. Auch bei Kastrationen von weiblichen Tieren wird das Band geschädigt, welches Eierstöcke und Zwerchfell verbindet und es entstehen innere Vernarbungen, die sich negativ auf letzteres auswirken können. Der Osteopath kann Funktionsstörungen und Verklebungen des Zwerchfells aufspüren und lösen.

Da die osteopathischen Techniken im Gegensatz zur Physiotherapie mit minimalstem Druck und leichten, teilweise kaum sichtbaren Bewegungen ausgeführt werden, ist diese Form der Behandlung sehr gut geeignet für ängstliche Tiere oder solche, die sich ungern (von Fremden) anfassen lassen. Auch bei stärkeren Schmerzen ist diese sanfte Methode bestens geeignet: Eine osteopathische Untersuchung und Behandlung sucht nicht gezielt die Schmerzen als Bestätigung, sondern die Fehlspannungen im Gewebe. Diese können weit entfernt vom augenscheinlichen Problem liegen und zudem bereits dann auftreten, bevor überhaupt Schmerzen entstehen. Bisher hat sich daher fast jeder noch so scheue Patient nach den ersten Griffen entspannt und nach einigen weiteren sind die meisten bereits am Einschlummern. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Faszien außerdem viele Rezeptoren besitzen, die nur auf minimalen Druck reagieren. Daher werden diese bei "normalen physiotherapeutischen Behandlungen", in denen der Patient fester angefasst wird, gar nicht erreicht bzw. angesprochen.

Während einer osteopathischen Therapie kann es durchaus vorkommen, dass nach dem Lösen der ersten Läsion plötzlich ganz andere behandlungsbedürftige Probleme ans Tageslicht kommen, die zuvor unter der Oberfläche geschlummert haben ("Zwiebel-Prinzip"). Häufig handelt es sich hierbei um ältere Traumen, mitunter sogar aus der Welpenzeit.

Wann ist Osteopathie sinnvoll?

- Zur Vorsorge (gesunde Tiere oder Sporthunde)
- Unklare Schmerzzustände und Lahmheiten
- Zur Reduzierung bzw. bei Versagen von
  Schmerzmitteln
- Muskuläre Probleme / Verspannungen
- Bewgungseinschränkungen / Fehlstellungen
- Arthrosen / degenerative Veränderungen
- Nach Amputationen
- Gelenkserkrankungen, z. B. HD
- Rückenprobleme, z. B. Spondylose, Blockaden,
  Schmetterlings- oder Keilwirbel, Skoliose
- Cauda-Equina-Kompressionssyndrom
- Bandscheibenvorfall
- Allg. neurologische Probleme / Lähmungen
- (Unfall)Traumata, Auffälligkeiten seit Welpenalter
- Asymmetrisch erscheinendes Gesicht / Schädel
- Vor OPs oder als Reha danach
- (Operations)Narben können Probleme bereiten
- Ödeme, Störungen im Lymphsystem
- Nach Kastration, Kaiserschnitt, Schwergeburt
- Inkontinenz, Kotabsatzprobleme
- Wiederkehrende Probleme
ohne feststellbare
   Ursache (z. B. Verdauungsbeschwerden, Husten,
   Juckreiz ohne Vorhandensein von Parasiten, ...)
- Alte Tiere, die nicht mehr operiert werden können
- Schulmedizinisch austherapierte Tiere
- Wenn die Physiotherapie an ihre Grenzen stößt

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